TEXTLANDSCHAFT      Worte

 

 

Es war ein Junge, den ich gut kannte, er hieß Konrad. Er hatte einen kleinen Kullerbauch gehabt, war gewachsen und dünn geworden. Der Schulranzen war groß auf seinem schmalen Rücken. Er ging gern in die Schule, sie half ihm beim Träumen. Wenn in einer Rechenstunde das Wort Raumschiff gesagt wurde, drückte er die Beine zusammen, startete innerlich durch und war im Weltall; wenn er im Heimatkundeunterricht das Wort Mücke hörte, beugte er den Kopf und war im feuchten Wald, er hörte Käuzchen rufen. Die Worte, die die Lehrerin noch sagte, hörte er nicht mehr. Wenn die Lehrerin ihn leise ansprach, merkte er es nicht, wenn sie zu meckern begann, hörte er ihre Stimme ungewöhnlich schrill, ihre Augen wurden Schlitze, ihre Nase wurde spitz, sie schien eine Hexe, die in Märchen besiegt werden müssen, er sagte ein Zauberwort: "Ich bitte um Entschuldigung", das Hexengesicht wurde zu dem der Lehrerin. Wenn sie kein Wort sagte, das Träume in ihm anregte, er sich zu langweilen begann, stellte er sich vor, dass die Kinder um ihn Ameisenkinder sind, die Lehrerin eine Ameisenfrau, er sah, dass Ameislein die Hände reckten, eine Ameisenfrau ihre Brust wie einen Schutzpanzer nach vorn streckte, es schien ein Film um ihn, er quiekte vergnügt, es veränderte den Film, denn die Kinder, die brav und still um ihn gesessen hatten, kicherten laut. Wenn er wütend wegen anderen Menschen war, malte er Strichmännchen, versah sie mit Sprechblasen und ließ eine der Figuren böse Worte sagen, "Du hast mich gemeint!", sagte der Lehrer, "Glauben Sie wirklich, dass Sie wie ein fettes Schwein aussehen?" fragte er, der Lehrer schwieg. Nach der Schule ging Konrad gewöhnlich nicht gleich nach Hause. Er streunte durch Läden. Wenn er einen Kasten sah, wollte er wissen, was darin ist, wenn er ein Gerät sah, wollte er wissen, ob und wie es sich bewegen kann. Als er klein gewesen war, hatte er seine Mutter mit flehendem Blick angesehen und gesagt, "Es ist das letzte, das ich haben muss!"
"Wirklich das letzte?"
"Ja."
"Wirklich?"
"Ja." Sie kaufte es ihm. Er ließ sich vor Spielzeugläden fotografieren, "Kauf mir das! Nur noch das!"
"Ich kaufe kein Spielzeug mehr", sagte die Mutter, "Ich kaufe dir Obst", er warf sich auf die Steine der Straße, schlug und strampelte, greinte laut, die Mutter stand neben ihm, die Menschen sahen sie vorwurfsvoll an. "Wollen Sie dem Kind nicht aufhelfen?... Das ist eine Rabenmutter."
Sie wollte ihm nur noch zu Geburtstagen Spielzeug kaufen, "Du spielst dreimal, dann steht es rum."
"Ich will wissen, wie es funktioniert."
"Dann tausche mit andern Kindern Spielzeug aus."
"Ich brauche aber Geld, um etwas zum Tauschen kaufen zu können."
"Kannst du nichts selbst ausdenken, basteln? Du kannst dir Geld verdienen." Sie kaufte Plastehandschuhe, hielt sie ihm hin, "Mache den Hof und die Straße sauber", er tat es. Er beschloss, Spielzeugverkäufer zu werden, dann könnte er jedes Spielzeug ausprobieren und müßte es nicht bezahlen, er bekäme noch Geld dafür. Seine Mutter und Vater arbeiteten täglich für Geld, die Zeit zum Aufräumen, Saubermachen war knapp, es gab beständig Möhlecken in der Wohnung; wenn er Geld brauchte, fragte er: "Was kann ich aufräumen, sauber machen?", ließ sich den Lohn geben und lief los. Einmal stürzte in der Stadt ein Haus zusammen, die Steine fielen auch auf die Straße, Menschen wurden getroffen, verschüttet. Als seine Mutter von dem Unglück hörte, krümmte sie sich vor Schreck, rannte los, sie versuchte, sich zu beruhigen: "Er ist die Wege mit den vielen Schaufenstern gegangen. Das ist nicht der Weg am zusammengebrochenen Haus." Und war das erste Mal froh, dass Konrad süchtig nach Schaufensterbildern war, Bilder in die man von hinten greifen könnte. Er streunte gern durch die Stadt, sah er einen grauhaarigen Mann mit einem schwarzen dicken Hund, begann in ihm eine Geschichte, in der ein Hund einen Mann, der von einer Brücke in den Fluß gefallen war, ans Ufer zog, seine Schwester ging, Grimassen schneidend, an ihm vorbei, er bemerkte es nicht. Er überquerte Straßen nur an Ampelkreuzungen, das Grün und Rot färbte die Bilder, die er sah. Er ging weiter, als sei eine Wiese vor ihm, wenn Grün war, oder blieb stehen, als würde ein Feuer vor ihm brennen, wenn es Rot leuchtete. Seine Leistungen in der Schule waren nicht gut, er versuchte es zu vertuschen, behauptete keine Zensuren bekommen zu haben, seine Mutter klagte beständig, "Du bist böse", sagte sie, "Nein, nicht böse, faul und ängstlich bist du." Sie hielt ihm faulig gewordenes Brot unter die Nase, "Sogar zum Essen bist du zu faul. Was soll werden?" Die Mutter stand in der Tür, er drückte sich an die Wand und hoffte eine Trickfilmfigur zu werden, die aus dem Fenster springen kann. ´Trickfilmfiguren sterben nicht, sie können ewig leben.´ Seine Mutter hatte ein zerfetztes Buch, das er in ihrem Zimmer hatte liegen lassen, in den Papiermüll geworfen, verbrannt. Seine Schwester schnitt auf der einen Seite seines Komikbuches eine Katze mit Stiefeln aus und zerschnitt dabei auf der anderen Seite eine Ente, die einen Hut trug. Er kaufte sich das Buch noch einmal. Wenn er in die Zeitungsläden ging, Hefte mit lustigen Bildergeschichten kaufte, hatte er das Gefühl, er würde sie aus einem Raum, in dem es sonst nur Mord und Totschlag und schöne, nackte Menschen zu geben schien, befreien. Er hatte die Figuren eines Heftes zu befreien versucht, in dem er es in die Tasche steckte, den Raum verlassen wollte, er wurde Dieb genannt und erhielt Ladenverbot. Er schickte einen Klassenkameraden für ihn hin, ließ sich die Haare schneiden, färben, wieder in den Zeitungsladen zu dürfen. Er hatte wenig Freunde. Sein Großvater war tot, seine Großmutter zu alt, um Briefe zu schreiben, er hatte ab und zu mit anderen Kindern Adressen getauscht, aber er wusste, dass er fast jedes Wort falsch schrieb und hatte ihnen deshalb keine Briefe geschickt, seine Mutter bestellte ihm Zeitungen, in denen sie in den Sprechblasen richtige Sätze und nicht nur Geräusche gelesen hatte, damit er Post bekam. Wenn er Kinder zu sich nach Hause einlud, war nicht sicher, dass sie kommen würden. Trickfilmfiguren konnte er in die große Jackentasche stecken, mit sich nehmen. Sie waren nachts und im Morgengrauen da, sie protestierten auch nicht, wenn er auf dem Klo saß, er sie in den Händen hielt, es stank. Er verliebte sich in eine der Figuren, die mit Salz bestreut, eine Tomate war, mit Pfeffer bestreut, ein Mensch, und beschloss, das zu heiraten; seine Schwester mochte einen Hund Rocko, der sich wie ein vorlaut witziger Junge gebärdete, sie wollte ihn heiraten. Wenn sie jeder den Trickfilm des anderen ansahen, um mindestens zwei Filme am Tag sehen zu können, der Vater zufällig in die Tür trat, blieb der stehen, setzte sich und wurde heiter. Konrads Mutter fühlte sich allein und setzte sich zwischen sie. Es wurde eng und kuschelig auf dem Sofa, Konrads Mutter mochte keine Trickfilme, "Vielleicht bin ich eifersüchtig auf das Zeug", sagte sie und streichelte, kraulte die Köpfe von ihm, seiner Schwester, seinem Vater. Konrads Mutter hasste es, wenn er ihr Trickfilmstorries erzählte, "Ich hasse das",
sagte sie, "Wollen wir nicht etwas Richtiges erleben?"
"Gehst du mit mir ins Kino?"
"Wir gehen Eisessen."
Im Eiscafé lag eine Zeitung, sie griff nach ihr und las. "Stör mich nicht", sagte sie zu ihm, "Das muss ich lesen."
"Wozu?" fragte er, sie schwieg. Sie konnte sehr vertieft sein, wenn sie Zeitungen las. Er fragte sie, wo sein Schlüssel ist, sie antwortete nicht, er sagte Schimpfwörter, sie reagierte nicht, sie saß da und schien in eine fremde Welt versunken, in die seine Stimme nicht dringen konnte. Manchmal hatte er gegrübelt, ob er im Krankenhaus, in dem er geboren worden war, vertauscht worden sein könnte und seine richtigen Eltern ein Trickfilmkino oder Spielzeugwarenladen besitzen könnten. Die Frau, die ihn Sohn nannte, schien seine richtige Mutter, denn sie sagte zu ihm: "Du redest mit mir, aber dein Blick sagt, daß du woanders bist. Wieviel Finger sind das? Ist dein Blutdruck niedrig? Hörst du mir zu? Manchmal rede ich mit dir, und du hörst mich gar nicht. Ich könnte Schimpfwörter zu dir sagen." Der Unterschied zwischen ihnen, Konrad und seiner Mutter, war, daß er für seine Neugier Dinge kaufen wollte und sie aus Neugier, Dinge herstellen wollte: Sie kochte gern, schrieb Texte, malte Bilder.
Seine Schwester war mit offenen Augen geboren worden, sie hatte geschrien, wenn der Kinderwagen nicht gerollt, nur hin- und hergeschoben worden war, sobald sie sich auf zwei Beinen halten konnte, hatte sie ihre Schuhe geholt, sie vor ihre Mutter gestellt, es hieß: "Ich will raus." Konrad aber war aus dem Bauch seiner Mutter gezogen worden und machte acht Tage lang die Augen nicht auf. Am neunten Tag hatte er die Augen geöffnet und schlief danach ungern. Er sprach drei Jahre lang kein Wort, außer einem gebellten "Honig", um ihn war beständig Rätselraten, was er mit dem Wort "Honig" gemeint haben könnte, "Will er Butter? Tee?" Jahre später war er ein Quasselfass geworden und redete mit Tausenden Wörtern, seine Mutter kreischte ab und zu auf, "Halt endlich die Klappe!" und sagte leise: "Im Fernsehen quasseln die auch, vielleicht ist das deine Begabung und du wirst damit reich." Sie borgte ihm eine Filmkamera, sah sich die Video-Filme, die er mit sich gedreht hatte, mittels Fernseher an, sagte: "Lebendig gefällst du mir besser. Wer weiß, was wird." Er schrieb in eine Sprechblase: "Ich liebe Dich!" Ein Mädchen fragte, rot im Gesicht wie die Tomate, die er hatte heiraten wollen: "Meinst du mich?" Er sah sie an, sagte nichts. Sie malte eine Maus, schrieb in eine Sprechblase: "Bist du eine Katze?" Er zeichnete eine Katze und schrieb rein: "Ich sehe aus wie eine Katze, ich bin aber eine verkleidete Maus." Sie wurde seine Freundin. Sie wurden erwachsen und liegen oft Arm im Arm im Bett und denken sich Geschichten aus, "Es war einmal..." - "Das ist ein Abenteuer im Leben, das fast kein Geld kostet,
und endet gut, wenn wir es wollen." Es war einmal... Es war einmal...

 

 

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